Newskij Prospekt. © Claudia Jutte

Tram, Trollejbus und Metro - Überleben im St. Petersburger Verkehr

Sennaja Ploschad © Claudia Jutte Srednij Prospekt © Claudia Jutte

Immer dann, wenn ich mir die Straßen der Stadt ins Gedächtnis rufe, kommen mir vierspurige Autoschlangen in den Kopf und ihr schwerer Benzingeruch in die Nase. Hinsichtlich des Verkehrs ist St. Petersburg besonders für meine, nur an Dorf oder Kleinstadt gewöhnten Ohren, eine extrem laute und stressige Stadt. Dies macht sich besonders zur rush hour bemerkbar. Vollgestopfte Straßen, riesige Menschenmassen vor den Eingängen zur Metro und an den Bushaltestellen, sowie restlos überfüllte Busse, Trollejbusse und Martschroutkas bestimmen dann das Stadtbild. Das Nutzen des öffentlichen Verkehrs entpuppt sich zu diesen Zeiten als erbitterter Kampf um einen Platz in einem der begehrten Gefährte. Das Drängeln und Schubsen der Petersburger an den Haltestellen war für mich anfangs sehr gewöhnungsbedürftig und auffallend rücksichtslos. Eher mit der westeuropäischen Zurückhaltung vertraut, kann ich mich auch nach einiger Zeit in Russland kaum mit diesem Verhalten anfreunden.

Erlöserkirche bei Nacht © Claudia Jutte Der Palastplatz bei Nacht. © Claudia Jutte

Die effektivste Art der Fortbewegung bieten meiner Meinung nach die Marschroutkas. Nach nun bereits zweieinhalb Monaten Aufenthalt in Petersburg und einigen missglückten Fahrten habe ich mich in das weitverstrickte Netz der Kleinbusse hineingefunden, sodass ich einen gewissen Überblick über ihre Routen aufbauen konnte. Als besonders vorteilhaft schätze ich ihre Wendigkeit und Flexibilität. Untereinander ständig in telefonischer Verbindung, sprechen sich die Marschroutkafahrer über die neuesten Stauentwicklungen ab, sodass man diesen entkommen und so schneller sein Ziel erreichen kann. Insofern stellen sie eine gute Alternative zu den staatlichen Buslinien dar, zumal sich die Preise nicht wesentlich unterscheiden. Die Fahrkarten sind auch nach der kürzlichen Preiserhöhung (ein Ticket kostet durchschnittlich 40 Cent) im Vergleich mit Berlin für Westeuropäer erschwinglich.

Marschroutka © Claudia Jutte

Zum Überwinden weiter Strecken ist die günstigste Variante nach wie vor das Nutzen des Metrosystems, welches mit nur vier Linien sehr übersichtlich ist. Die Petersburger können sich gegenüber Moskau zwar weniger für die prunkvolle Gestaltung ihrer Metrostationen rühmen, dafür aber umso mehr für ihre Tiefe. Jeder, der das erste Mal Petersburg besucht und mit den unendlich langen und zugleich unglaublich schnellen Rolltreppen hinunter zu den Zügen fährt, kann dies bestätigen. Die enorme Tiefe des U-Bahnsystems hängt mit der sumpfigen Beschaffenheit des Bodens in St. Petersburg zusammen. Führt man sich dies vor Augen, ist es kaum vorstellbar, mit welch enorm technischem Aufwand die Tunnel in den 50er Jahren aus dem Boden gestampft wurden. Die Schwierigkeiten der Bauumsetzung machen sich auch heute bemerkbar. Bis vor kurzem war eine der Stationen wegen Überflutung gesperrt, weshalb die Passagiere auf Busse ausweichen mussten. Doch Probleme dieser Art halten die Ingenieure nicht  davon ab, ihr Vorhaben fortzuführen und mit neu geplanten Stationen das Erdreich immer weiter zu erobern.

Metroeingang Wassileostrowskaja © Claudia Jutte Rolltreppe in der Metro © Claudia Jutte

Im überirdischen Verkehrsgeschehen ist mir aufgefallen, dass sich nur sehr wenige Fahrradfahrer auf die Straße trauen. Doch dies ist verständlich, denkt man an die Fahrweise vieler Petersburger. Zebrastreifen oder den Deutschen vertraute Regeln über den Vorrang von Fussgängern sowie Radfahrern haben hier kaum eine Bedeutung. Auch das Überqueren von Kreuzungen ist kein Spaziergang, sondern eher ein Spießrutenlauf, da die Ampelumschaltzeiten sehr knapp bemessen sind. Doch die seit neuestem angebrachten Zeitanzeigen unter den Ampeln gewähren eine Orientierung, wieviel Zeit zum Überqueren der Straße bleibt, bis der Verkehr wieder losrollt.

Ampelanzeige © Claudia Jutte Die kleine Eremitage bei Nacht © Claudia Jutte

Die unumstrittenen Veteranen des St. Petersburger Verkehrssystems sind für mich die Straßenbahnen. Nur mühsam schlagen sich die schweren Waggons über die schlecht beschaffenen Gleise durch den dichten Verkehrsdschungel. Wie bei den Autofahrern, erfreuen sich die Straßenbahnen anscheinend auch bei den Nutzern des öffentlichen Transports nicht allzu großer Beliebtheit. Nur sehr selten habe ich bis jetzt so vollbesetzte Trams gesehen, wie man es bei den Bussen oder Marschroutkas tagtäglich beobachten kann.

Strassenbahn © Claudia Jutte Strassenbahnschienen © Claudia Jutte

Die Betriebszeiten des öffentlichen Transports beschränken sich von fünf Uhr morgens bis ein Uhr nachts. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man sich in den verbleibenden vier Stunden ausschließlich zu Fuß fortbewegen muss. Neben den staatlichen Taxis kann man ebenso die preiswertere Variante der Privattaxis nutzen. In dem Wissen, dass Klub- oder Barbesucher nach ein Uhr unbeweglich sind, entscheiden sich viele Autobesitzer dazu, eine Nachtschicht als Hobby-Taxifahrer einzulegen und sich so ein paar Rubel dazuzuverdienen. Der Preis ist dann Verhandlungssache. Dennoch sollte man sich die Fahrer ganz genau ansehen, bevor man in ein Auto einsteigt.

Brückenöffnung © Claudia Jutte Löwen © Claudia Jutte

Doch ein Privattaxi ist nicht immer eine Garantie für den schnellen Nach-Hause-Weg, da auch sie machtlos sind, wenn sich gegen halb zwei Uhr nachts die großen Brücken Petersburgs für einige Stunden über die Newa erheben und so alle Autos zum Stehen bringen. Dieses beeindruckende Spektakel vollzieht sich jede Nacht von Frühling bis Herbst und lockt immer wieder, besonders zu den Weißen Nächten, etliche Schaulustige an. Das Ereignis wird jedoch zum lästigen Ärgernis, wenn man es nicht rechtzeitig auf die andere Seite schafft und sich somit mehr oder minder unfreiwillig die Nacht um die Ohren schlagen muss. Immerhin hat man dann aber die Gelegenheit mit einem ausgiebigen Spaziergang das nächtliche St. Petersburg zu erkunden.

Claudia Jutte

Dezember 2006
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Briefe:
>>>...1. Ein Semester in St. Petersburg – erste Eindrücke
>>>...2. Tram, Trollejbus und Metro - Überleben im St. Petersburger Verkehr
>>>...3. St. Petersburg im Einkaufsfieber
>>>...4. Unterwegs in St. Petersburg - Teil 1
>>>...5. Unterwegs in St. Petersburg - Teil 2
>>>...6. Utschitsa, utschitsa, utschitsa…

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