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Unterwegs in St. Petersburg (Teil II)

Langsam, aber sicher zieht auch hier im Norden der Frühling ein und mit den ersten Sonnenstrahlen trauen sich auch die Ersten zaghaft in Minirock und Pumps auf die Straßen Petersburgs – das Verlangen nach dem Beginn der Spaziergangssaison und darauf, die schweren Wintermäntel endlich in den Schrank zu verbannen, ist also unübersehbar. Genauso wenig wie die tauenden Eisschollen auf der Newa und die riesigen Pfützen im Park von nebenan.

Offizielle Bekräftigung fand der Beginn der warmen Jahreszeit im Kalender mit dem achten März - Frauentag und gleichzeitig Frühlingsfeiertag. Als ich bereits eine knappe Woche vor diesem, hier übrigens arbeitsfreien Feiertag im Wohnheim Glückwünsche erhalten habe und am Wochenende noch immer Grußsendungen übers Radio liefen, wurde ich an die Festwochen, die rund um den ersten Januar Lebens- und Schlafrhythmus in Russland bestimmten, erinnert und damit auch an den ausgeprägten Feiercharakter des russischen Volkes. Arbeitsausfall an Werktagen im Vorfeld oder nach Feiertagen und kleine, heimlich unter den Angestellten herumgereichte Wodkafläschchen, wie ich es einst auf der Post beobachtet habe – dies alles ist in Deutschland nicht nur undenkbar, sondern wahrscheinlich auch verwerflich.

Selbst im russischen Gesetz findet sich für die russische Liebe zum Feiern ein kleiner Hinweis – fällt nämlich ein gesetzlicher Feiertag auf das Wochenende, so wird dieser zu Gunsten eines verlängerten Wochenendes verlegt. Was wir also festhalten können: Russen lieben es zu feiern, und das in ausgelassener Gemeinschaft – ein Klischee, das ich zweifelsfrei bestätigen kann.

Doch wie sieht es mit dem Feiern ohne besonderen Anlass in dem St. Petersburger Nachtleben aus? Dieses spielt sich trotz der Größe der Stadt weitestgehend im überblickbaren Zentrum ab, das soll heißen im Großraum um den Newskij-Prospekt. Es gibt eine hohe Anzahl von Klubs mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen. Dabei ist es jedoch immer wieder eine Überraschung, in welche Tanz- und Klubgemeinschaft man gerät – Stripteaseeinlagen und sonstige unverhoffte Kunstvorführungen von den Klubbesuchern sind da nicht ausgeschlossen.

Sind sonst üblicherweise Italiener und Spanier für ihr Temperament und Heißblütigkeit berühmt, so darf man die zwar weniger braun gebrannten, dafür aber umso besser mit der alten Schule vertrauten Russen nicht unterschätzen. Im Tanzgemenge reicht meist nur ein kurzer Augenaufschlag, um einen neuen Tanzpartner für sich zu gewinnen

Auch außerhalb des Klublebens ist es kein aussichtsloses Unterfangen, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen, worauf die Stellung als Ausländer(in) und der dadurch innehabende Exotenstatus wahrscheinlich nicht wenig Einfluss haben. Wenn in Deutschland einem Gespräch oder Telefonnummernaustausch öfters eine „Auftauphase“ vorangeht, so ist diese hier weniger ausgedehnt. Dennoch hat dies nicht immer so viel zu bedeuten, sondern ist eher unverbindlich.

St. Petersburg – die zweitgrößte Stadt Russland und Wiege etlicher Musikgruppen – da versteht es sich natürlich von selbst, dass oft Konzerte berühmter Sänger oder auch unbekannterer Künstler stattfinden. Für mich ist es immer wieder ein großartiges Ereignis, die zu Hause immer nur auf Plastik gehörte Musik von ihren Interpreten live performt zu erleben und das im Durchschnitt für umgerechnet fünf bis fünfzehn Euro -  im Vergleich mit deutschen Verhältnissen zu einem erschwinglichen Preis. Sehr selten allerdings werden die Petersburger Bühnen auch einmal von großen Bands aus dem Ausland besucht. Deshalb war es geradezu eine Sensation, als Madonna zum ersten Mal auch auf russischem Boden im Rahmen ihrer letzten Tournee Konzerte in Moskau gab – das Medienspektakel rund um ihren Besuch war selbst hier im Norden ohne weiteres bemerkbar.

Aus Anlass der letzten Regionswahlen vom elften März gab es ein großangelegtes Propaganda-Aufgebot, sodass man in der letzten Zeit unzähligen Plakaten, nicht nur zu freizeitgestaltenden Zwecken, an jeder Ecke begegnet ist. Für mich sehr ungewöhnlich und eher an alte Zeiten erinnernd war deren Gestaltung: Von Losungen wie „Zusammen können wir alles“ (Einiges Russland), über Jewgeni Pljuschenko in Überlebensgröße zu Gunsten eines „Gerechten Russlands“ bis hin zu angsteinjagenden Zeigefingern, die zur Wahl der Liberal-demokratischen Partei ermahnten, wurde jeder Passant begleitet.
Darüber hinaus verteilte man großzügig an sämtlichen Straßenkreuzungen und Lädeneingängen  Werbematerial, sodass ich nach circa vier Wochen Werbekampagne eine beträchtliche Kollektion von Pljuschenko-Kalendern ansammeln konnte.

Ob Konzert-, Theater- oder Klubbesuche – das Leben in der Stadt steht an keinem Wochenende still. Um so mehr kann man gespannt auf den Sommer warten, wenn die Nacht endgültig zum Tag wird…

Claudia Jutte

März 2007
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>>>...5. Unterwegs in St. Petersburg - Teil 2
>>>...6. Utschitsa, utschitsa, utschitsa…

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