Herr Ober, das Salz bitte!
Wladimir Kaminer erzählt über die sowjetische Küche und seine Frau Olga kocht daraus.
Von Philipp Goll

In Iwan Krylows Miniaturhumoreske „Demjans Fischsuppe“ lädt Demjan, ein Gutsbesitzer, seinen Freund Phoka zu Fischbrühe ein. Der Gast kann sich vor der Gastfreundschaft und dem ständig neuen Auffüllen seines Tellers kaum erwehren, weiß sich nicht mehr zu helfen und „rennt nach haus in atemloser Hast. Demjan sah nie wieder seinen Gast.“ Krylow verfasste das kleine Stück, in dem er die russische Gastfreundschaft persifliert, Ende des 18. Jahrhunderts. Die russische Gastfreundschaft – besonders wenn es um die Küche geht –  kennt keine Grenzen, auch zweihundert Jahre später nicht. Dass die russischen Köche sehr nachtragend sein können, wenn man ihnen nicht mit völliger Hingabe beziehungsweise leerem Magen begegnet, weiß natürlich auch der gebürtige Moskauer Wladimir Kaminer. Doch nun versucht er sich im Duo mit seiner Frau selbst als Küchendiktator.

Der Name Kaminer mag mittlerweile fast jedem Bundesbürger bekannt sein: als Synonym für russische Betrachtungen des deutschen Großstadtdschungels, in der die Skurrilitäten des deutschen Alltags offen gelegt werden. Nun serviert das Ehepaar Kaminer seinen Lesern ein Kochbuch. Und wie könnte es auch anders sein, ist es ein Kochbuch der sowjetischen Küche. „Küche totalitär“ lautet der Titel dieser Anthologie mit Gerichten aus den Ländern und Landstrichen der ehemaligen Sowjetunion. In zehn Kapiteln werden z. B. die Ukraine, Sibirien, Aserbaidschan und ihre Nachbarn in ihrer kulinarischen Landschaft umrissen.
Geht man also in Erwartung eines schlichten Kochbuchs aus Kaminers Küche, so bekommt man mehr aufgetischt, als nur das. In kurzen Episoden versucht der Autor mit geographischem sowie auch ethnischem Blick zu beleuchten, was hinter „Nomadensuppe“, „Kartoffelweibchen“, oder der „Torte Birkenstamm“ steckt.
Hofft man auf eine literarische Delikatesse, so bleibt sie unerfüllt. Anekdoten zu dem jeweiligen Land reicht Kaminer als Aperitif zu den Rezepten (Rezepte beinhalten: Vorspeise, Suppe, Hauptgericht, Dessert). Doch er serviert diese Häppchen mit fadem Geschmack. Man erfährt über gastfreundliche Georgier, über noch gastfreundlichere Armenier und über Sibirier: „…weil sie so viel essen, sind sie so groß geworden, und wenn sie nicht aufhören, werden sie nur noch größer…“. Wenig wirkliche informative Nahrung. Aber genau das schätzt nun der Kaminer-Fan: diese spezielle Kaminersche Würzung, die eine lakonisch leichte Betrachtungsweise der Welt, mit netten unaufdringlichen Pointen beinhaltet. Und so wird er dann auch abgespeist, der Fan: mit Geschichten über Wackelpudding als „launisches Kind des Westens“ oder über die Ananas als wahrhaftiges Symbol der postsowjetischen Dekadenz – und nicht wie im Westen angenommen, der Kaviar.

Kochrezepte scheinen ein beliebtes Thema unter russischen Autoren zu sein (will man denn Kaminer dazuzählen). Der Schriftsteller Wladimir Sorokin, von russischen Gerichtshöfen wegen Verdacht auf pornographische Literatur angeklagt, versuchte sich ebenso im Metier der russischen Kochkunst. In der ersten Ausgabe der Literaturzeitschrift „Der Freund“ (2004) veröffentlichte er eine Reihe höchst bizarrer Rezepte, darunter: „Bücherkaviar aus Michael Bulgakows ‚Der Meister und Margarita’“, oder „Pelmeni mit Wiener Stuhl“. Kaminers Rezepte hingegen scheinen besser bekömmlich als Sorokins – dafür bürgt Olga Kaminer.
Der „Gaumenkitzel des Totalitarismus“ wird abgerundet mit einer, für ein russisches Kochbuch wohl obligatorischen, Anleitung für die Wodkaverkostung.
Ist das Buch schließlich verzehrt, verbleibt ein leicht fader Geschmack und man wünscht sich, dass alles etwas würziger gewesen wäre – zumindest für denjenigen, der nur liest. 

Wladimir Kaminer: Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus von Wladimir und Olga Kaminer, Manhattan Verlag: München 2006, 224 S., 18,- Euro.

 © Philipp Goll

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