Berlinskij Episod

Eine Hommage an Berlin, gut gekleidete deutsche Männer und: das Lachen
Von Philipp Goll

 "Ich mag den Morgen in Berlin. Da fahre ich von Charlottenburg bis Berlin-Mitte, schaue der Sonne zu, wie sie ihre ersten Strahlen auf Berlin wirft und beobachte all die Menschen die gerade zur Arbeit fahren - mir gefällt Berlin".
Das erzählt Mascha mit strahlenden Augen. Sie ist nun acht Wochen hier in Berlin und belegt einen Deutschkurs im Goethe-Institut. Ihre eigentliche Heimat ist Moskau. Dort studiert die 20-jährige Elektrotechnik, Wirtschaft und Deutsch an der Hochschule für Energetik. Mascha kam mit dem Zug nach Berlin.
"27 Stunden lang hatte ich Angst, mir mit irgendeinem Typen zusammen das Coupé teilen zu müssen", gibt sie zu. Doch Berlin scheint sie dafür zu entlohnen. Sie mag Berlin, sie mag Deutschland - die Menschen nicht ausgeschlossen. Im Goethe-Institut ist sie die einzige Russin, neben Mexikanern, US-Amerikanern und sogar einem Schweizer. Darum fühlt sie sich etwas exotisch und ist ständig mit Fragen konfrontiert wie: trinken echt alle Russen Wodka?
Sie sagt, sie antworte dann, "dass alle auf der Strasse liegend Wodka in sich hineinlaufen lassen und sich anschließend die Flaschen auf den Köpfen zerschlagen" und lacht dabei. Mascha lacht gern. Sie selbst meint, manchmal etwas zu viel. Über den deutschen Humor kann sie jedoch nicht so lachen, der russische Humor sei da viel lustiger. Was zeichne denn den russischen Humor aus? Sie lacht über die Frage und meint, dass sie nicht zu beantworten sei. "Humor hat man einfach oder man hat ihn nicht, es ist ganz simpel ein Talent", ihr selbst fehle das Talent - dafür lache sie - und sie lacht. Sie bittet mich im Scherz, nicht auf deutschem Humor zu schreiben. Nun gut, mal sehen.


Fotos © Philipp Goll

Wir spazieren die Friedrichstraße längs. Des Russen Lieblingsbeschäftigung - werstweite Spaziergänge, egal wo entlang - wird sie in Berlin nicht untreu.
Nur mache sie es hier eben allein, was aber kein großes Manko sei, denn "man nimmt die Dinge um sich herum ganz anders wahr, wenn man alleine unterwegs ist" und das sei auch interessant, fügt sie abenteuerlustig hinzu.

Neben uns wird Englisch gesprochen. In Berlin seien viele Ausländer, sagt Mascha. Besonders viele Türken würde sie sehen. Just in diesem Moment braust ein "Bumer" (russ. für BMW) vorbei. Aus dem Fenster gebeugt, dreht sich ein junger südländisch aussehender Mann nach uns. Er pfeift Mascha nach. Sie schüttelt verächtlich den Kopf über ihn und sagt, dass es solche Leute auch in Moskau gebe. Ist Berlin eigentlich eine gefährliche Stadt, in der man Angst haben müsse? Sie entgegnet leichthin, dass sie im Gegensatz zu Moskau ohne weiteres nachts durch die Straßen läuft. Dabei habe sie mehr Angst vor dem Widerhall ihrer eigenen Schritte, als vor irgendetwas Anderem. "Berlin ist ja insgesamt eine sehr leise Stadt", bekundet sie verwundert. Eine, die auszog, um das Fürchten zu lernen, ist Mascha definitiv nicht.
Wir nehmen die S- Bahn um woanders hin zu fahren. Kommt man wohl gut mit der S- und U-Bahn zu Recht, wenn man es gewohnt ist, durch den Untergrund einer "Megapolis" zu fahren? Großspurig nickt sie mit dem Kopf, als wundere sie sich über die Frage. "Hier ist doch alles total klein", antwortet sie "wie soll man sich denn nicht zurechtfinden können". Die Moskwitschka lacht und geht in großen Schritten durch die sich ihr öffnenden Türen der S-Bahn. Berlin ist eben nicht Moskau.


Fotos © Philipp Goll

In der S-Bahn schnarcht ein Mann durchs Abteil. Den Kopf tief vorn herüber eingeknickt, ist er, sichtlich beseelt von Alkohol, eingeschlafen. Fahrausweiskontrolle. Die Kontrolleure versuchen ihr Bestes, um den guten Mann zu wecken. Sie rütteln, rufen, aber der Erfolg bleibt aus. Erst langsam kommt er zu sich, kann aber keinen Fahrschein vorweisen und wir werden Zeuge, wie er in flagranti beim Schwarzfahren erwischt wird. "Das kostet 40 Euro", Mascha weiß genau, wie teuer es ist. Ob das wohl eine ganze Stunde im Goethe-Institut ausfüllt? Thema: "Ordnung muss sein! Regelgerechtes Verhalten in Deutschland". Sie verneint. Einer Mitstudentin aus dem Goethe Institut sei es passiert, weil sie den falschen Fahrschein gekauft habe. Daher wisse sie es. Mascha schüttelt verständnislos den Kopf: "wer sich Alkohol kaufen kann, der kann sich jawohl genau so gut eine Fahrkarte für das Geld kaufen", urteilt sie brüsk über den Mann. Die mitfühlende russische Seele - anscheinend nicht so weit wie das Land, in dem sie zuhause ist. Auch der für die Berliner S-Bahn so charakteristische Abgesandte vom "Straßenfeger"-Obdachlosenmagazin verkürzt die Fahrt. Mascha versteht nicht: "Das sind doch noch so junge Menschen, warum haben die keine andere Arbeit, als diese blöden Zeitungen zu verkaufen". Wichtige Fragen, die "wichtige" Ohren benötigen, aber selbst wenn sie von ihnen vernommen würden, wahrscheinlich unbeantwortet blieben - aber so ist das nicht nur in Deutschland.

Auf die Frage, was ihre Eltern denn beruflich täten, antwortet sie: "das ist ein Geheimnis" und lacht. Dann erzählt sie von ihrem Vater, der in der Autobranche tätig ist. Was ihre Mutter mache, wisse sie aber nicht genau. Ihre Schwester sei jedenfalls eine "Sportsmenka", Sportlerin also. Es hört sich an, als hätte sie schon einen Beruf, und das mit 18 Jahren. Doch das entspricht nur der Regel. In Russland weiß man meistens schon früh über seine spätere Berufung Bescheid. Und wo sehe sie sich in ein paar Jahren? Sie überlegt…und weiß es nicht. Oder doch: "Mit Sicherheit nicht verheiratet". Das sei nun wirklich nicht ihr Ziel, einfach zu heiraten und dann mal weiterzusehen. Sie kennt viele Frauen, bei denen das zum guten Ton gehört. Einfach eine Ehe zu schließen, Kinder bekommen und sich langweilen, könne doch nicht erstrebenswert sein. Viele Frauen in Russland würden sich einen reichen Mann anlachen, um dann in Beautysalons ihre Zeit zu vergeuden mit dem alleinigen Ziel makellose Fingernägel manikürt zu bekommen.


Fotos © Philipp Goll

Hier in Berlin wohnt Mascha in einer Charlottenburger Dreizimmerwohnung bei einem älteren Ehepaar. Sie unternimmt nur wenig mit ihren Gastgebern. Mascha wundert sich, dass die Frau, bei der sie wohnt, nur am Wochenende kocht: " zuhause kocht meine Mutter jeden Tag". Sie mag die deutsche Küche jedoch auch nicht sonderlich und Currywurst mit Brötchen wäre ja wohl das Widerlichste. Eine einzige Schwäche hat sie aber dann doch: deutsche Backwaren. Den vielen Bäckern, die sie tagtäglich mit ihren zuckergussüberzogenen oder bepuderten Teilchen traktierten, könne sie kaum widerstehen. "Deswegen sind die deutschen Mädchen auch alle so dick", analysiert sie ganz nonchalant. Auch beim Thema Mode kommen die deutschen Frauen nicht gut davon. Vernichtend verkündet sie ihr Urteil " sie haben viel Geld, kaufen sich alles, aber kleiden sich schlecht, einfach ohne Geschmack. Die deutschen Männer kleiden sich aber viel besser als die russischen. Auf der ganzen Welt sind die deutschen Männer die bestangezogensten". Man(n) glaubt es kaum.

.
Foto © Philipp Goll

Doch was mag sie denn wirklich an Deutschland? Ihr gefällt die Art zu leben. Auch die Menschen hier wären freundlich, würden einem immer helfen, wenn man frage. Aber man merke dann recht schnell, wenn sie nichts mehr mit einem zu tun haben wollen. Das wäre in Russland anders: "wenn einem die Nase nicht gefällt, dann tut man auch gar nicht erst so als ob sie einem gefallen würde". Sie verwendet dabei das Wort "oberflächlich". "Aber", fügt sie versöhnend hinzu "die Deutschen sind ein sehr geselliges Volk, sie reden gerne". Und Mascha mag es zu reden, besonders auf Deutsch. Seitdem sie so viel Deutsch spricht, klingt das Russische hart und unförmig in ihren Ohren. "Ich mag den Klang der deutschen Sprache viel lieber". Besonders das delikate kleine deutsche Wörtchen "genau" hat es ihr angetan, gesteht sie lachend. Welch eine Ironie. Eben jenes Wort, was dem Deutschen eines seiner Erkennungsmerkmale verleiht, ihm anhängt wie eine Klette und ihn auf der ganzen Welt erst zu seinem Original macht. Auf dem Weg in ein Cafe, sagt sie, dass ihr die Architektur in Berlin besser gefiele. Wer in Moskau war, kann dies nachvollziehen, zumindest bei den Wohnbezirken. Außerdem gehe sie oft zum Potsdamer Platz. Und Warum? "Dort gibt es schließlich viele Geschäfte", entgegnet sie augenzwinkernd. Aber ist es dort schön? Sie überlegt kurz und fügt schnell hinzu, dass sie sehr gern auf der Museumsinsel sei, "da wo die großen Brunnen so schön mit den Fontänen sprudeln". Etwas weit her geholt, doch einen gewissen zaristischen Habitus hat es ja schon.


Fotos © Philipp Goll

Und was vermisse sie? "Eigentlich gar nichts, bis auf meine Freunde, meinen Hund, ja und meine Eltern - manchmal". Der Kontakt zu ihren Freunden läuft hauptsächlich über sms. Oft holt sie ihr Handy aus der Jackentasche. Unruhig lässt sie es dann aus der kleinen Hülle gleiten, versichert sich, ob nicht eine sms gekommen ist und steckt es wieder ein. Meistens tut sie dies erfolggekrönt, es kommen tatsächlich oft die kurzen Nachrichten. Ob die Nachricht wohl wichtig ist? Sie verneint, mag aber auch nicht vorenthalten, wer ihr gerade, und vor allem was geschrieben hat. "Meine Freundin hat geschrieben, dass in Russland ein Flugzeug abgestürzt ist". Ob sie das wohl hier im Ausland besonders bewegt? "Nicht mehr als zuhause und außerdem sterben täglich viel zu viele Menschen auf der Welt, überall ist doch Krieg".
Am Rande: in Deutschland wird man zwei Tage später von dem Flugzeugunglück hören.

Hier im Westen, das sei ihr aufgefallen, habe man große Freude daran zu teilen. Bei näherem Nachfragen stellt sich heraus, dass sie allerdings nicht das "brüderliche" Teilen meint. Vielmehr meint sie zum Beispiel das Auf-teilen von Rechnungen bei der Bezahlung nach Cafebesuchen. Oder die Teilung beziehungsweise Trennung des Mülls. Ihre Beobachtung ist zutreffend, schließlich ließ man es sich nicht entgehen, ein ganzes Land zu teilen.
Die Angelegenheit mit der Mülltrennung ist ihr überhaupt nicht verständlich: "Warum drei Container allein für Flaschen?" Sie schüttelt darüber nur den Kopf. Unterdessen hält sie das Aufteilen von Rechnungen für hochpraktisch. Altruismus scheint verschieden auslegbar zu sein: "In Russland bleibt derjenige, der bezahlt, dann doch meistens auf der gesamten Rechnung sitzen, ohne eine Kopeke wieder zu sehen".
Mascha geht in Berlin gerne in Cafés. Unterscheidet sich die Atmosphäre von Cafés in Moskau und in Berlin denn beachtlich? In Moskau, sagt Mascha, gehe sie nicht so oft in Cafés. Dafür habe sie zu wenig Geld: "Bei uns kann nicht jeder einfach ins Café spazieren, wie es hier üblich ist. Man wird dort nur hereingelassen, wenn sie sehen, dass du viel Geld hast". Im Café berichtet sie liebevoll von ihren Haustieren. Eilig holt sie ihr Handy aus der Tasche, um Fotos von ihnen zu präsentieren. Bilder von ihrem Hund, von ihrem Meerschweinchen und plötzlich eines von der russischen Flagge. Trotz Flaggenflut bei der vergangenen Fußballweltmeisterschaft und ständigen Normalitätsbekundungen darüber, befremdet einen doch irgendwie der Gedanke, eine deutsche Nationalflagge auf dem Mobiltelefon zu haben. Die russische Jugend, Mascha inbegriffen, hat eine andere, vor allem engere Beziehung zur eigenen Nationalität: "Ich liebe das Land, in dem ich geboren bin - dort gehöre ich hin", und ergänzend sagt sie stolz, dass sie die Nationalhymne singen könne. Ob sie sich auch vorstellen könne, länger in einem anderen Land zu leben? Sie antwortet: "natürlich kann ich das, doch nicht für immer. Selbst hier fehlt mir einfach zu viel und es sind nur acht Wochen". Ob sie denn der Meinung wäre, dass man in einem anderen Land viel über sich selbst lerne und nicht nur das temporär Fremde, sondern auch sich selbst erkunde und erkenne? Sie stutzt kurz und meint, dass sie darüber noch nicht soviel nachgedacht habe. Insgesamt findet sie, macht man sich in Deutschland sowieso viel zu viele Gedanken. Doch nach ein paar Sekunden fängt sie an zu schmunzeln: "Klar habe ich viel über mich und mein Land gelernt. Nun weiß ich, dass bei mir zuhause Bären auf der Straße herumlaufen" - und Mascha lacht lauthals.


Fotos © Philipp Goll

Archiv:

Archiv:
36. Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, über das bedeutendste Theaterfestival in Deutschland
35. Gereon Sievernich: Das Kunstwerk entsteht erst im Auge des Betrachters
34. Thomas Oberender: Die Gesellschaft kann und muss lernen sich zu streiten
33. Sommer in russischer Provinz / Olga Schtyrkina
32. Ein Semester in St. Petersburg / Claudia Jutte
31. Herr Ober, das Salz bitte! / Rezension von Philipp Goll
30. einshochzwei ist dreihochsternchen / wibx
29. Ein Semester in St. Petersburg von Claudia Jutte
28. Berlinskij Episod. Eine Hommage an Berlin, gut gekleidetet deutsche Männer und: das Lachen. Von Philipp Goll
27. Merle Hilbk "Sibirski Punk" : Ein Sommerblues von Anna Brixa
26. ein einblick. ein ausblick. geblickte momente…/Mode in St. Petersburg / wibx
25. wiederkehr. neue einkehr/ eine reise nach sankt petersburg / wibx
24. Über den heroischen Slam ein paar Worte...Kritik einer Zuschauerin. Von Natalja Fedorowa (auf russisch)
23. Lena Kvadrat / artpoint / wibx
22. Sonne für die Ohren - Rezension zum Album "Na svjazi" von Markscheider Kunst von Anton Zykov
21. Der Russe - Ein Porträt von Anton Zykov.
20. Töne des Untergrunds - Russische Straßenmusikanten in Berlin von Anton Zykov.
19. Banja, Wobla und Weniki oder eine Gebrauchsanweisung zur russischen Sauna von Mariana Kuzmina.
18. Der deutsche Gentleman – ein Mythos oder: können russische Frauen und deutsche Männer zueinander finden?, von Julia Harke
17. Literaturkritik von Twerdislaw Zarubin (auf russisch)
16. "Grüne Woche" (2006) von Mariana Kuzmina (auf russisch)
15. Kann ich dir helfen, Bruder? Gedanken zur russischen Brüderlichkeit von Julia Harke
14.1. Das Russen ABC für Berliner
14. Briefe aus Nizhnij Novgorod von Daniela Ließ
13. Wen der Osten schön macht oder warum russische Frauen besser aussehen von Julia Harke
12. Gespräch mit dem Regisseur Egor Konchalowsky von Anja Wilhelmi (auf russisch)
11. Archive Agent-007 (auf russisch)
10. Kunstherbst 2005 (auf russisch)
09. Leben im Wohnheim Multi-Kulti. Ein Erfahrungsbericht aus Frankfurt/Oder von Claudia Jutte
08. Offener "Russischer Slam" in Berlin! (auf russisch)
07. Licht und Farbe in der Russischen Avantgarde (auf russisch)
06. Art Forum 2004 (auf russisch)
05. Die Russischen Filme auf der Berlinale 2005 von Matthias Müller-Lentrodt
04. Gespräch mit dem Architekten Sergei Tchoban (auf deutsch) (auf russisch)
03. Gespräch mit dem Fotografen Boris Michajlov
02. Eine Art Reisetagebuch von Sophie Hofmann
01. Mit der Schauspielerin Irina Potapenko sprach Tim-Lorenz Wurr.