Sergei Tchoban

Gespräch mit dem Architekten Sergei Tchoban

Ildar: Ich denke, dass Du einer der erfolgreichsten russischen Architekten bist, die sich im Westen etabliert haben. Genauer gesagt, kenne ich keinen anderen russischen Architekten, der eine solche Stellung erreicht hat wie Du. Vielleicht kannst Du selbst jemanden nennen?

Sergei: Das fällt mir auch schwer. Obwohl es in Amerika und Frankreich Architekten russischer Abstammung gibt - aus den früheren Emigrationswellen - , die verantwortungsvolle Positionen in großen Architekturbüros einnehmen... Ich habe von ihnen gehört, kann aber keine konkreten Namen nennen.

I: In Deiner Person ist die Erfahrung eines westlichen und russischen Architekten vereint - immerhin kennst Du die russische Architektur nicht nur vom Hörensagen, sondern bist aus ihr hervorgegangen, und mit der westlichen lebst und arbeitest Du. Da stellt sich die Frage, wie diese doppelte Erfahrung und dieses Wissen Dir in deiner Arbeit helfen, und wie andere das bewerten?

S: Die Erfahrung eines Architekten ist ein ambivalenter Begriff: zu viel Erfahrung kann manchmal auch schlecht sein, besonders beim Treffen “frischer” Entscheidungen. Einerseits hat mir der Westen das Verständnis für das Niveau der zeitgenössischen europäischen Architektur ermöglicht; das ist die Realität, in der ich lebe. Andererseits ist das Erfassen des Planungsprozesses - seiner Mechanismen, seiner Organisationsstruktur - unerlässlich für den Bau von Gebäuden. Und diese Erfahrung, dieses Wissen ist sehr wichtig, denn die Architektur braucht wie keine andere Form der Kunst eine klare Ausrichtung auf das Endziel.

I: Welche Deiner Bauten im Westen hältst Du für interessant?

S: Man kann sagen, dass ich mich bis zum Jahre 2000 in einem Prozess der Entwicklung und des intensiven Studiums befand (obwohl sich dieser Prozess wahrscheinlich ein ganzes Leben lang fortsetzt). Möglicherweise kann ich aus dieser Zeitperiode nur zwei Bauten nennen, die mir wichtig sind: den Java Turm in Hamburg und die Fassaden und Innenausstattung der Hamburger Parfümfirma "Fragrance Resources". Diese beiden Arbeiten sind mir wichtig, obwohl sie nicht mehr meiner heutigen Auffassung von Architektur entsprechen. Berlin hat mich zu den Petersburger Ursprüngen zurückgebracht, und in diesen Arbeiten gibt es ein modisches Element, dem ich heute aus dem Weg gehen würde.

Seit dem Jahr 2001 laufen bereits Projekte, die in Berlin realisiert wurden. Das Kino "Cubix" am Alexanderplatz, das Alfred Döblin Haus, die Galerie Arndt, die Lofts des "Kronprinzenkarrees" in der Reinhardtstraße sowie das Domaquaree in der Nähe des Berliner Doms, das Gebäude in der Tauentzienstraße 18... das sind Objekte, die ich realisiert habe, als ich bereits über ein umfassendes Verständnis über den Projektierungsprozess verfügte. Ich kann sagen, dass jedes von ihnen so wurde, wie ich das gewollt habe... na ja, sagen wir, zu 90 Prozent.

Es ist klar, dass die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber diesen Projekten sehr unterschiedlich ist. Viele fühlen sich eher zu unkonventionellen Sachen hingezogen - in dem Sinne, dass sie auffällige Farben und Formen mögen. Extravagante Gebäude werden heute als gelungener wahrgenommen als vergleichsweise ruhigere, klassischere Bauten. Aber das ändert nichts an meiner Beziehung zu den Projekten, die ich nannte. Ich habe in jedes von ihnen meine Seele gelegt und möchte sie nicht in geliebte und ungeliebte einteilen.

I: Wie stellst Du Dir zeitgenössische Architektur vor, und welche Tendenzen sind heute für sie charakteristisch?

S: Als zeitgenössisch kann man die Architektur bezeichnen, die mit den 60er, 70er Jahren begann. Wenn man über ihre grundlegende Tendenz spricht, ist das im Grunde genommen der Kampf der Masse und des Individuums. Während früher, in den vergangenen Epochen, die Architektur als ein Teil der Umgebung wahrgenommen wurde, so wird heute unter einem gelungenen Architekturobjekt verstanden, dass es kontrastiert die gegenüberstehende Umwelt reflektiert. Mir als einem Menschen, der durch St. Petersburg geprägt wurde, ist diese Tendenz fern. Mir scheint, dass die Architektur heute das verloren hat, was sie früher in der Betrachtung interessant machte - die Verzierungen, die bewusste Gliederung.

Der Streben nach einer “Skulpturität” ist in Bezug auf die Umwelt, die uns umgibt, egoistisch - das Streben nach Popularität, nach einem wilden, freien Schaffen von Formen, wird fast immer als neu und interessant anerkannt. Aber Architektur ist nicht Bildhauerei. Für mich ist Architektur vor allem das, was im Raum entsteht, der geometrische Anfang - nicht die Wiederholung irgendeiner Landschaft in freier Form, sondern die Suche nach künstlichen, regulierenden Formen. Wahrscheinlich kommt das daher, dass ich mich in St. Petersburg entwickelt habe. Seine Umgebung besteht aus Räumen, die von Gebäuden definiert werden. Ich glaube nicht, dass in einer Liste der 200 bedeutendsten Architekturdenkmäler auch nur ein Gebäude aus St. Petersburg vorkäme. Aber wenn man die drei bedeutendsten Städte Europas bestimmt, gehört St. Petersburg zu dieser Liste bestimmt hinzu. Und genau das definiert mein Verständnis von Architektur.

Leider kann man jene Zeit nicht mehr zurückbringen, in welcher der Mensch in seiner Ruhe noch bedeutend mehr erfahren und verstehen konnte, in der er weitaus weniger tat, aber weitaus mehr Zeit in weniger investierte, und im Ergebnis mehr schaffte. Das gibt es also nicht mehr, aber trotzdem ist ein Mittel geblieben, das die Menschen genauso wie früher erstaunen kann. Dieses Mittel ist der Raum - , seine Proportionen, seine Erhabenheit... und auch das Material. Das Material, das allein durch seine sinnliche Oberfläche und seine Struktur besticht, und das schon allein dadurch zum Dekor wird.

Die Arbeit mit dem architektonischen Raum und Material, bis auf ein bestimmtes Niveau ausgeführt, ist eine ernstzunehmende und gesunde Alternative zu allen Versuchen, aus der Architektur irgendeine Installation im Raum zu machen. Und das ist der Weg, den ich gehe.

I: In der zeitgenössischen Architektur gibt es eine aktuelle Tendenz, die Vorstellungen von der Zukunft in die Gegenwart miteinbezieht. Und in dieser Zukunft ist die Natur schon nicht mehr als Lebensraum geeignet oder sieht überhaupt nicht mehr so aus, wie wir es gewohnt sind. In den Projekten, die auf dieser Idee basieren, dringt die Natur in den architektonischen Komplex ein, ist gleichzeitig aber von der Außenwelt getrennt - wie im Botanischen Garten. Was hältst Du von solchen Tendenzen in der Architektur?

S: Ich kann ehrlich sagen, dass ich in dieser Frage eine traditionelle Einstellung habe. Ich bin absolut überzeugt davon, dass der Mensch, wie auch die Umwelt, in der er wohnt, sich bedeutend langsamer verändern. Ansonsten wäre es schwierig für uns, die Kultur vergangener Epochen zu begreifen, wir könnten sie auf der Gefühlsebene nicht nachvollziehen. Wenn du dich schnell veränderst, entsteht eine gigantische Distanz in der Einstellung zu dem, was vor dir da war. Und du hörst auf, alles wie irgendeine alte Schrift wahrzunehmen - du könntest sie einfach nicht mehr lesen. Der Mensch hat sich gar nicht so entscheidend verändert: er kann Bücher lesen, die viele Jahrhunderte zuvor geschrieben wurden, und sie auf der intellektuellen und auf der Gefühlsebene begreifen. Heute vollziehen sich Veränderungen viel schneller als vor 400 Jahren, aber das verändert den Menschen in seinem Wesen nicht - wenn er nicht jedem letztem Schrei der Mode hinterher jagt, sondern mit einem Minimum an Distanz auf das Leben blickt. Natürlich darf man die negativen Folgen des technischen Fortschritts nicht ignorieren, aber den pessimistischen Blick auf die Zukunft in die Gegenwart zu übertragen, ist auch kein Ausweg.

Meinen eigenen “göttlichen Auftrag” zu erfüllen oder eine Art künstliche Umgebung zu schaffen, war nie mein Ziel. Für mich sind Landschaft und Stadt zwei sich gegenüberstehende Dinge. Die Stadt dringt mit ihrer Künstlichkeit und Geometrie in die Landschaft ein. So war es immer und so wird es auch weiterhin sein. Die ökologischen Folgen dieser Entwicklung werden immer gravierender, der Prozess ist einseitig. Dem muss man heute aktiver entgegen wirken als früher.

Die ökologische Kompatibilität der Architektur ist eine sehr wichtige Aufgabe, aber ich habe nicht den Eindruck, dass heute gänzliche andere Architekturformen nötig sind als vor 100 Jahren. Natürlich darf man ein und dieselbe Gliederung nicht 500 Mal auf eine neue Art wiederholen; irgendwann überleben sich auch sehr schöne Dinge. Musikinstrumente, die Jahrhunderte lang existierten, sterben aus. An ihren Platz treten neue Instrumente, aber die Melodie geben sie auf genau dieselbe Weise weiter wie früher. Das Prinzip von Gebäuden hat sich nicht verändert, genauso wenig wie die Wechselbeziehung der Gebäude mit der Umwelt - ich sehe noch nicht einmal im Vergleich mit der Akropolis in Athen irgendwelche Veränderungen.

Darüber zu sprechen, dass wir jetzt Gebäude mit variablen Fassaden und mit der Möglichkeit, sie an die Umwelt anzupassen, bauen können, das sind meiner Meinung nach kurzsichtige Utopien, die uns in der Entwicklung zurückwerfen. Unaufhaltsame Erneuerung führt auf ihrem Höhepunkt zu Enttäuschung und damit zur Rückkehr in die weit zurückliegende Vergangenheit. Ja, die Sprache der Architektur hat sich verändert, genauso wie die Stellung des Menschen in ihr.  Aber eine auf interessantem Wege entdeckte kleinere Veränderung ist für mich wertvoller als die Veränderung des gesamten Äußeren eines Gebäudes und seiner Umgebung.

I: Wenden wir uns Moskau zu. Gerade wird in Moskau viel gebaut. Nicht nur von russischen, sondern auch gerade von berühmten westlichen Architekten. Welche Tendenzen siehst Du in der Moskauer Architektur? Die Architektur ist schließlich eine komplizierte Sache und hängt von vielen Faktoren ab: der Mentalität der Gesellschaft und deren feststehendem Geschmack, von Macht, Geld oder vom Künstler selbst. Und wie Du schon sagtest, verändert sich der Mensch langsam, die politischen und ökonomischen Veränderungen in unserem Land vollzogen sich dagegen schnell. Wie nimmst Du die Moskauer Architektur wahr?

S: Moskau mangelt es in auffälliger Weise an einem urbanistischen Architekturkodex. Es gibt verschiedene Bereiche der Bebauung, die historisch absolut unterschiedlich auf die Umwelt reagieren. In Moskau gibt es viele Beispiele für ein Nebeneinander von zweistöckigen Gebäuden mit Wolkenkratzern. Moskau arbeitete weniger mit Raum, mehr mit Objekten, wie zum Beispiel den Stalin-Hochhäusern oder einigen konstruktivistischen Gebäuden. Als das neue Jahrhundert anbrach und ein riesiges finanzielles Potential da war, hatte man keine Zeit für die Suche nach einem Neuanfang in urbanistischen - und Stilfragen.

Das, was sich gerade in Moskau abspielt, führt im Grunde genommen die Tendenz fort, die ich bereits benannt habe. Die Tendenz einer Objektentscheidung nach dem Standort, die Ausführung einer konkreten Aufgabe. Eine Architekturverordnung, welche besagt, dass in diesem Stadtteil die Höhe von Gebäuden, sagen wir,  28 Meter nicht überschreiten darf, in jenem 40 Meter - solch eine Verordnung gibt es nicht. Es gibt keine Tendenz, sich dem Vergangenen zuzuwenden, wie zum Beispiel in St. Petersburg. Aber genauso wenig die Tendenz, die Geschichte einer homogenen Umwelt auf neue Art und Weise weiter zu schreiben.

Somit ist es schwer zu sagen, was genau der Moskauer Stil ist und was ihn auszeichnet. Moskau ist vielfältig. Vielleicht ist die Ablehnung der puristischen Architektur der 70er, 80er Jahre Teil dieses Stils. Der Kunde, jedenfalls der russische, will immer, dass das Äußere eines Gebäudes adäquat die eingebauten Mittel betont, dass das Gebäude "teuer" aussieht. Der europäische Kunde ist da anders. Zum Beispiel machte mir ein Kunde das Kompliment: "Sie haben so viel Geld in diesem Gebäude verbaut, aber das ist absolut nicht zu sehen."

Ein gewisses Understatement, das aus Jahren des Reichtums resultiert, gibt es in Moskau nicht und kann es auch nicht geben. Die Geschichte ist einfach zu jung, die Leute geben Geld für ein Gebäude aus und wollen dann auch sehen, wie dieses Geld im Stil und in den Materialien “lebt” und “arbeitet” - und das ist völlig normal, daran ist nichts Anstößiges. Am Anfang drückte sich das in der Hinwendung  zum einem Jugendstil im weitesten Sinne oder zur Art Deco aus, in der es “schmackhafte” Details gibt.

Natürlich entwickelt sich Moskau, Moskauer Architekten reisen um die ganze Welt und haben die Möglichkeit, sich auszutauschen, sich Architekturbeispiele weltweit anzusehen. Die Russen sind talentiert und reagieren schnell auf schwierige Veränderungen, sie haben den Wunsch, in die Weltarchitektur mit einzusteigen. In Moskau tauchen heute neue Gebäude auf, die aussehen, als ob sie aus Modezeitschriften “herausgerissen” seien. Was soll ich dazu sagen… Wenn sich Architektur in einem Umkreis von zwei Kilometern gut macht, aber aus 100 Metern Entfernung wie eine Hutschachtel aussieht, ist das für mich schlechte Architektur.

I: In einem Deiner Aufsätze hast Du gesagt, dass der russischen Baukunst eine geordnete Grundlage fehle. Was kannst Du jetzt zu diesem Thema sagen?

S: Es sollte nicht nur der Bauarbeiter Vorschläge machen, sondern der Architekt sollte wissen, was er will. Wenn ich zu einem Bauarbeiter komme und sage: "Wissen Sie, ich hätte hier gern etwas Glas, und darum herum irgendeinen Rahmen, aber ich weiß nicht, was da möglich ist, - schlagen Sie mir doch mal was vor", dann habe ich schon verloren, bevor ich überhaupt angefangen habe, zu spielen. Das heißt, meine eigene Erfahrung, meine Organisiertheit müssen mir mitteilen, was ich hinterfragen muss. So formt der Architekt mit seinem Wissen die Bautechnik.

I: Willst Du damit sagen, dass die russische Baukunst bereits eine Annäherung an weltweite Standards vollzogen hat?

S: Ja. Auf dem Moskauer und St. Petersburger Markt gibt es schon so gut wie alles. Dabei ist der Preis für die Arbeitskraft dort, genau wie früher schon, niedriger als in Deutschland. Aber die  Vorstellung des Auftraggebers über den Baupreis ist eben auch niedriger. Der Architekt und der Baumeister müssen dort, genau wie auch hier, eine vollständige Einheit bilden, in welcher der Architekt eine ganz konkrete Vorstellung haben und auch gut erklären können muss, was er braucht. Wenn sich herausstellt, dass eine russische Baufirma unter Verwendung ausländischer Baumaterialien das gesteckte Ziel nicht genau erfüllen kann, kann man immer noch eine ausländische Firma um Hilfe bitten, sie auf dem russischen Markt akkreditieren, und das, was geplant war, Schritt für Schritt verwirklichen.

Eine andere Sache ist, (und das ist der Fehler vieler Architekten, die eifrig in Zeitschriften blättern und dabei vergessen, wo sie wohnen), dass in Russland vieles, was in Westeuropa realisiert wird, wegen der klimatischen Bedingungen einfach nicht möglich ist. Zum Beispiel große offene Terrassen, Balkone, flache Dächer, porös geschichtete Steine, offene Fugen, hängende Fassaden ohne Begrenzungen. In Russland darf man diese europäischen Beispiele nicht wiederholen, ohne die Spezifik des Klimas in Betracht zu ziehen - wie den häufigen Wechsel zwischen Frost und Tauwetter zum Beispiel. Das heißt, viele Dinge muss man neu erarbeiten und sie an die russischen Bedingungen anpassen.

Ich sehe, dass der billigen Arbeitskraft wegen in Russland all das möglich gemacht werden kann, was im Westen völlig unmöglich ist: Werksteinfassaden, eine Vereinfachung des Metallprofils und so weiter. Alles, was mit teuren menschlichen Ressourcen verbunden ist, lässt in Russland unerwartet interessante Ergebnisse entstehen. Und das Niveau der Detailverarbeitung in der Innenausstattung hat das Niveau Westeuropas schon um ein Vielfaches überholt.

I: Heißt das, es gibt interessante Objekte, die in Russland gebaut wurden?

S: Es gibt viele Objekte, die von innen gelungen sind, aber nur wenige, die von außen ebenso gelungen erscheinen. Aber es gibt sie.

I: Sehr oft sieht man bei Neubauten, dass es ihnen an Kultur fehlt. Man sieht, dass sie teuer gebaut wurden, dass viel Geld ausgegeben wurde, aber es ist offensichtlich, dass es umsonst ausgegeben wurde.

S: Es gibt keine Detailkultur, und man hat nicht den Eindruck, dass über diese Details von Anfang an nachgedacht wurde. Und genau das ist meine Herangehensweise: Ich entwerfe während des Projektierungsprozesses eine Fassade im Maßstab 1:100 und mache gleich ein vorläufiges Angebot. Ich weiß, wieviel eine solche Fassade, wie ich sie mir vorstelle, kosten wird. Ich entwerfe drei Alternativen und baue ein Modell im Maßstab 1:10, in dem schon Stein verbaut ist. Auf dieser Grundlage soll der Kunde entscheiden, was er möchte. Schließlich kann Architektur nicht abstrakt, ohne Material existieren. Man kann kein Gebäude entwerfen und danach entscheiden, welches Material verwendet werden soll.

I: Wenn man nach Russland fährt und in den Vororten die große Anzahl neuer Bauten, neuer Villen sieht -  in sehr dichter Bebauung und mit hohen Umzäunungen, dann scheint es, dass sie alle bald ihren Wert verlieren werden. In meinen Augen haben sie das schon. Ein Haus zu besitzen, ist doch noch nicht alles, ist denn der Blick aus dem Fenster nicht genauso wichtig? Wenn zehn Jahre vergangen sind, wird niemand das alles mehr brauchen. Was meinst Du dazu?

S: Früher wurde wenig, heute wird viel gebaut - und das in der ganzen Welt. Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre wird vieles von dem, was heute gebaut wird, bestimmt nicht mehr da sein. Das ist das Schicksal der zeitgenössischen Architektur. Ein Gebäude zu bauen, das mit seinen Charakteristika von Raum und Funktionalität die Chance hat, die Altersgrenze von 30-40 Jahren zu überstehen, wäre schon ein Sieg. Diese Tendenz kann man überall beobachten. Als Beispiel kann man an Las Vegas erinnern, wo die Hotels alle 20 Jahre neu gebaut werden. Das alles ist eine für Laien teuer wirkende Attrappe, die zu einer häufigen Erneuerung verurteilt ist. Aber das gleiche Schicksal trägt auch die Westberliner Architektur - die Ikonen der 50er bis 70er Jahre, die einmal als Meisterwerke angesehen wurden, werden heute abgerissen.

I: Blicken wir in die Zukunft. Welche Züge charakterisieren die Architektur der Zukunft?

S: Offen gesagt, stelle ich mir die Zukunft nicht als etwas vor, was sich im Wesentlichen vom heutigen Tag unterscheidet.

I: Wie bewertest Du die Architektur Russlands, Europas und der Welt? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede siehst Du?

S: Weißt du, ich sehe das globaler. Die heutige Architektur wird von zwei Tendenzen geprägt. In der intellektuellen Gesellschaft gibt es eine gewisse Angst. Der Angst vor dem Kitsch. Vor der Rückkehr zu den Traditionen, die auf einem mehr oder weniger kitschigen Niveau beruhen. Ich war noch vor einigen Tagen in Las Vegas. Die höchste Form von Kitsch gibt es genau dort - in Amerika, in Las Vegas, weil es dort keinen jahrhundertealten kulturellen Background gibt. Also kann man so etwas dort leichter machen. Die Intellektuellen befürchten diesen Trend in der Architektur und haben eine geschlossene Front gebildet - eine Gesellschaft für sich.

Ich gehöre dieser Front an, zumindest hoffe ich das. Die moderne Architektur arbeitet mit einer Form, mit einem Materialornament, mit Raum, aber gleichzeitig nicht mit "Tradition" im wörtlichen Sinne. Offen gesagt, ist das aber eine weltweite Tendenz. Die gibt es überall.

Das heißt, dass das Hotel "Mandala-Bay", ausgearbeitet mit einer unglaublichen malaysischen Ornamentik, neben Restaurants New Yorker Designer stehen kann, die in ihrer Modernität, der Schönheit ihrer Reduktion, der Details und des Raumes im starken Kontrast zu allem stehen, was sie umgibt. Dieser Kampf ist in Amerika stärker zu sehen als in Europa. Aber auch hier kommt er vor. Wie viele Diskussionen hat das Hotel "Adlon" in Berlin hervorgerufen... In Moskau wird das Haus "Patriarch" errichtet  [ein Luxusapartmentgebäude im Stadtzentrum, Anm. d. Übers.] und in seiner unmittelbaren Nähe steht ein Gebäude, das das Ornament total verneint und Detail, Material und Form propagandiert.

Die Gegner der modernen Architektur haben stets “gewichtige” Argumente: "Was ist schlecht an der Rückkehr zur Tradition, immerhin ist sie durch die Zeit geprüft worden." Oder: "Warum hatten die Architekten der Renaissance das Recht, antike Beispiele zu wiederholen, und wir dürfen das nicht?" Darauf kann man ihnen vernünftigerweise nur erwidern, dass eine unendliche Wiederholung des historischen Kanons zu dessen Abwertung führt. Diese beiden Tendenzen stehen sich überall gegenüber.

I: Ist die Architektur international geworden?

S: Ein alternativer Internationalismus der Architektur ist der Regionalismus, der aber leider oft in  Kitsch übergeht. Regionalismus kann gelungen sein, wenn sich allgemeine und weltliche Tendenzen “adaptieren” lassen - in der Verwendung regionaler Materialien, die den für das betreffende Land traditionellen Herangehensweisen von Form und Raum entsprechen.

Mir scheint, dass weder eine radikale Erneuerung noch ein übersteigerter Traditionalismus Antworten auf diese Frage geben können. Das eine hat ebenso wie das andere seine Nachteile. Die "Modernisten" nehmen oft keine Rücksicht auf die Spezifik eines Standortes. Für Moskau oder St. Petersburg entworfene Projekte von Rem Koolhaas könnten genauso auch in Holland oder Deutschland stehen.

Sie würden überall genauso flott und fremd aussehen. Und wie zum Beispiel Herr Schulz vom "Tagesspiegel" bemerkte, ist der "Patriarch" für Moskau in seiner Erscheinung eben deshalb viel interessanter, weil er in enger Verbindung mit den örtlichen kulturellen Traditionen steht und so im Kontext wahrgenommen wird. Auf der einen Seite ist er als eine typische Moskauer Erscheinung interessant, auf der anderen Seite gibt es hier eine große Anzahl von Stilfragen, die im Fall einer qualitativ hochwertigen modernen Architektur nicht aufkämen.

I: Ich hoffe, dass unsere Leser diese Diskussion weiterführen. Und Dir Dank für dieses unschätzbare Wissen.

S: Danke.

 

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Interview von Ildar Nazyrov, Berlin, 25.8.2004
Übersetzung aus dem Russischen von Anna Brixa
© www.007-berlin.de

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