| Vortrag Do., 11. September, 19 Uhr Museum Europäische Kulturen: "Die nördlichsten Muslime Europas" - Zur Geschichte der Wolga-Tataren. " Es waren nicht nur Ethnographen, die sich für das Leben der Tataren an der Wolga oder auf der Krim interessierten; Kontakte bestanden weit früher und waren keineswegs einseitig, wie Sebastian Cwiklinski in seinem Heft "Die Wolga an der Spree" (Berlin, 2000) beschreibt: Diplomatische Beziehungen zwischen dem tatarischen Khanat der Krim und Brandenburg-Preußen bestanden schon im 17. Jahrhundert und krimtatarische Gesandtschaften besuchten wiederholt den preußischen Hof. Polnische Tataren dienten später im preußischen Heer, aber abgesehen davon fanden vor allem im 20. Jahrhundert tatarische Kaufleute, Studenten, Politiker - und Kriegsgefangene den Weg nach Berlin. Im 1. Weltkrieg waren in einem Lager in der Nähe von Wünsdorf etwa 12000 muslimische Kriegsgefangene aus Russland interniert, vor allem Wolgatataren und Baschkiren. Manche von ihnen blieben auch nach dem Ende des Kriegs hier, gründeten Vereine, gaben Zeitschriften heraus, unterrichteten Tatarisch an der Berliner Universität. Nachkommen leben noch heute in der Stadt. Auch im 2. Weltkrieg waren Tataren eher unfreiwillig in Berlin. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion versuchten die Nazis auch Tataren für ihre Kriegs- und Propagandaziele einzuspannen. Bekanntes Opfer war der tatarische Schriftsteller Musa Dschalil, der 1944 in Berlin-Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde als seine geheime Widerstandsgruppe entdeckt wurde. In der Haft schrieb er Gedichte, die später als "Moabiter Hefte" veröffentlicht wurden. Für Tataren, die heute nach Berlin kommen, ist der Besuch der Gedenkstätte Plötzensee ein Muss. Und es kommen wieder mehr Tataren von der Wolga an die Spree, seit sich nach dem Ende der Sowjetunion die Beziehungen auch zu den verschiedenen Regionen der Russischen Föderation freier entwickeln können. Hier hat sich inzwischen sogar ein tatarisch-baschkirischer Kulturverein gegründet (siehe: www.tatar-bashqort.tk). Andere, vor allem Krimtataren, die nach der stalinschen Deportation aus ihrer Heimat in die Türkei geflohen waren, kamen manchmal als "türkische Gastarbeiter" nach Berlin. Wie viele andere Nationalitäten, so haben auch Tataren und Baschkiren eigene Akzente in Berlin gesetzt und an einigen Kapiteln der Berliner Stadtgeschichte mit geschrieben. Über historische Hintergründe, kulturelle Merkmale und über alltägliche Möglichkeiten einer "tatarischen Identitätsbildung" können sich alle Interessenten derzeit im Museum Europäischer Kulturen informieren, in dem vom 30. August bis 14. September 2003 die Tatarischen Kulturtage stattfinden. Sie werden vom Tatarisch-Baschkirischen Kulturverein e.V. Berlin und dem Museum Europäischer Kulturen veranstaltet und tragen das Motto "Erinnerung als Inspiration". Im Rahmen der Kulturtage hält Sebastian Cwiklinski im o.g. Museum
den Vortrag "Die nördlichsten Muslime Europas: Zur Geschichte
der Wolga-Tataren". Erwartet wird u.a. eine Diskussion zum Thema
"Warum und seit wann heissen die heutigen Wolga-Tataren 'Tataren'?" Ort: Zeit: Donnerstag, 11. September 2003, 19.00 Kontakt: Telefon: 030-83901 287 |