|
Ein Sechstel der Erde
Ein schweigendes Land - Filme zum Ende der UdSSR 19.08.-08.12.1991
„Ihr müsst das Schweigen drehen, das Schweigen des Landes. Ich kenne es. Ich habe es gesehen. Ich sehe das Land, das schweigt“ (sowjetischer Kameramann in:
Die Reise von Petersburg
nach Moskau am 11.+16.+18.12.)
Als am Morgen des 19. August 1991 der sowjetische Rundfunk den Ausnahmezustand und die Machtübernahme der Putschisten verkündete, reagierten die nationale und internationale Öffentlichkeit mit so entschlossener Empörung, als hätten sie schon lange auf ein solches Ereignis gewartet. Radio Rossija und Echo Moskwy verbreiteten in seltenem Einklang mit den Stationen des Westens Jelzins ersten Aufruf zum Widerstand, „der sonst nur einige hunderte, und wie Jewgenij Jewtuschenko meinte, noch nicht einmal sehr nüchterne Menschen erreicht hätte“ (L. Ionin Nesawissimaja Gazeta 12.09.91).
Allein vor dem russischen Parlament versammelten sich Zehntausende, um gegen die Usurpatoren und für mehr Demokratie in der Sowjetunion zu demonstrieren. Als am 8. Dezember desselben Jahres der Vertrag über die Gründung der GUS unterzeichnet, die sowjetische Fahne über dem Kreml eingeholt und das Ende des sowjetischen Staatssozialismus auch juristisch besiegelt war, schien über dem einst mächtigen Land nur noch tiefes Schweigen zu liegen. Die Kinder und Enkel jener, die Dziga Wertow in seiner filmischen Sinfonie Schestaja Tschast Mira (am 08.12. um 20.30 mit Livemusikbegleitung) einst als die Herren eines Sechstels der Erde besungen hatte, wirkten nach den aufregenden Ereignissen des Sommers nur noch antriebslos, müde und verwirrt. Und so zeigen die Filme unserer Retrospektive zum Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem ein Land des Schweigens und der Stille, das gleich dem in der Raumstation MIR zurückgebliebenen sowjetischen Kosmonauten Sergej Krikaljow, allen Zeiten enthoben scheint (Out of the Present, OmdU, Dok, am 15.+17.12.).
Viele Bewohner des zerfallenden Sowjetlandes verstanden sich selbst nicht mehr. In seltsamer Verwirrung suchten einige der einst gut in dialektischem und historischem Materialismus geschulten Sowjetbürger ihr Heil nun in spiritistischen Sitzungen. In seinem sarkastischen Dokumentarfilm Neue Nachrichten vom Weltuntergang (OmdU, Dok 1991, nur am 21.12.) porträtierte Boris Kustow so auch eine Gruppe Verzweifelter, die Lenins Geist bei Totenbeschwörungen riefen. Doch wie lebt es sich heute in einem Land in dem Leningrad - St.Petersburg und Swerdlowsk – Jekaterinenburg heißen, aber die Leningradskaja Oblast und das Swerdlowsker Kinostudio weiter ihre alten Namen tragen? Aus manchen Regionen des einstigen Reiches scheint der vor zwanzig Jahren eingetretene Zustand der Stille bis heute nicht gewichen zu sein. In seinem jüngsten Dokumentarfilm Askolki –Splitter (am 08.+21.12.) zeigt Viktor Asljuk das Leben von Männern in einem kleinen weißrussischen Dorf. Über alle politischen Veränderungen und Zeiten der Stagnation in den letzten zwanzig Jahren hinweg sind die wesentlichen Dinge und Überzeugungen des Lebens hier doch immer die gleichen geblieben. Der Winter kommt, eine Frau vielleicht und die Amerikaner würden das hier nie aushalten.
SPIELTERMINE IM ÜBERBLICK:
- EIN SECHSTEL DER ERDE (SU 1926) 35mm
stumm mit Livemusikbegleitung (Leonid Soybelman, Gitarre)
am Do, 08.12. um 20:30 Uhr
***
- ASKOLKI - SPLITTER (BY 2009), OmeU
am Do, 08.12. um 20 Uhr (Wdh. am Mi, 21.12. um 20 Uhr)
***
- DIE REISE VON PETERSBURG NACH MOSKAU (D 1991), 35mm OmdU
am So, 11.12. und Fr, 16.12. um 19 Uhr + So, 18.12. um 17 Uhr
***
- OUT OF THE PRESENT (RUS/D/F 1995), 35mm OmdU
am Do, 15.12. um 20 Uhr (Wdh. am Sa, 17.12. um 18 Uhr)
***
- NEUE NACHRICHTEN VOM WELTUNTERGANG (SU 1991), 35mm OmdU
am Mi, 21.12. um 20.30 Uhr |